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  • Michael Bosch

Das teuerste ferngesteuerte Auto der Welt


 

English summary: "The Most Expensive Remote Controlled Car in The World"


 


In Ludwigsburg hat ein Start-up gemeinsam mit Porsche autonomes Fahren in der Werkstatt erprobt. Ein Besuch zeigt: Die Technologie funktioniert. Die Vorteile für die Hersteller liegen auf der Hand - aber was haben Autofahrer davon?


Kurz scheint sich der Sportwagen noch zu sträuben, dann zuckelt er los. Nicht, wie man es von einem PS-Ungetüm erwarten würde, sondern eher langsam, fast vorsichtig bahnt sich der Porsche seinen Weg über den Hof. Dass er so gemächlich unterwegs ist, am Tor zweimal die Richtung korrigiert, be­vor er in Schrittgeschwindigkeit in die Werkstatt rollt, hat einen Grund: Der Sportwagen fährt von selbst. Wobei von fahren kaum die Rede sein kann, vielleicht noch von rangieren. Auf dem Werksgelän­de im Tammerfeld in Ludwigsburg kann man einen Eindruck davon bekommen, wie schwer die Aufgabe ist, einem Auto beizubringen, selbst zu fahren - und sei es nur vom Parkplatz bis auf die Hebebühne.


„Das ist ein bisschen wie bei einem Staubsauger," sagt Alexander Haas, Pro­jektleiter bei Porsche, mit einem Tablet in der Hand, mit dem er dem Cayenne den Befehl geben kann, loszufahren. Manch­mal fahre sich der Staubsaugerroboter fest, in aller Regel findet er aber einen Weg aus der verzwickten Lage, sagt Haas. So ist es beim Cayenne auch.


Das Start-up Korpernikus Automotive hat an der Aufgabe „autonomes Fahren in der Werkstatt" seit dem Jahr 2017 getüf­telt - und nun, nach einjährigem Feldver­such in Ludwigsburg gezeigt, dass es funk­tioniert. Wobei die Leipziger das Pferd quasi von hinten aufgezäumt haben. Das Auto fährt nicht selbstständig, eine Künst­liche Intelligenz (KI) steuert es. Die KI, das ist ein ziemlich unscheinbarer Com­puter, der in einem Räumchen neben der Werkstatt steht. Von einem handelsübli­chen Fabrikat unterscheidet er sich kaum, Rechenleistung und Grafikkarte entspre­chen der eines modernen PCs. Mit seiner Hilfe hat das Team von Kopernikus-Mit­gründer und Geschäftsführer Stefan Jen­zowsky aus dem hybridbetriebenen Ca­yenne das teuerste ferngesteuerte Auto der Welt gemacht.



Ein virtuelles Modell aus 5000 Fotos


Bis der über 500 PS starke Bolide die rund 30 Meter unfallfrei zurücklegen konnte, waren unzählige Testfahrten nötig - virtu­ell spulte die Künstliche Intelligenz rund eine Million Kilometer ab. So lernte die KI immer mehr dazu. Dabei griff sie auch auf Telemetriedaten des Fahrzeugs zurück, um beispielsweise herauszufinden, wie stark das Fahrzeug beschleunigen muss, um es über die kleine Steigung vor der Werkstatt zu schaffen. Zu Beginn des Projekts hatten die Inge­nieure einen virtuellen Zwilling der Werk­statt aus circa 5000 Handyfotos erstellt, sozusagen die Teststrecke. Auf der wurde der Computer - die Experten sprechen von neuronalen Netzen - ein halbes Jahr trainiert. Die KI musste mithilfe von zwölf fest installierten Kameras - auf dem Hof und in der Werkstatt - lernen, das Fahr­zeug zu lokalisieren, sich zu orientieren und andere Objekte, wie zum Beispiel Autos oder Menschen, die sich bewegen, zu erkennen. Den Entwicklern ist es wich­tig herauszustellen, dass die Fahrten nicht programmiert werden, sondern der Fahr­weg je nach Situation dynamisch ange­passt wird. Für den Computer sind Men­schen und alle anderen Objekte nichts anderes als Vierecke, genauso wie das zu steuernde Fahrzeug. Wenn man es so se­he, sei „Autofahren dann nicht mehr, als zu verhindern, dass die verschieden gro­ßen Rechtecke zusammenstoßen", sagt Stefan Jenzowsky. Was sich so banal an­hört, ist in Wirklichkeit natürlich extrem kompliziert, aber relativ erschwinglich. Schon das macht die Idee für die Vertragswerkstätten attraktiv.


„Der Servicemitarbeiter kann sich zum Beispiel das richtige Werkzeug zurecht le­gen, während das Auto von selbst in die Werkstatt fährt", sagt Alexander Hass. Zwar ist der Zeitgewinn bei einem einzi­gen Auto relativ, bei hunderttausend Re­paraturen im Jahr in den Porsche-Werk­stätten aber bedeutet er bares Geld. Der Mitarbeiter müsse zum Beispiel auch bei regnerischem Wetter nicht mehr über den Hof laufen, so Haas. Davon versprechen sich die Zuffenhäuser weniger Reklamationen bei Werkstätten oder Händlern we­gen verschmutzter Autoinnenräume. Das Besondere an dem Projekt, so Ste­fan Jenzowsky, sei, dass die Technik mit heutigen Autos funktioniere - zwar längst nicht mit allen, aber mit erstaunlich vie­len. Die KI kann das Auto (fern-) steuern, wenn Gas und Bremse elektronisch funk­tionieren, das Auto ein Automatikgetriebe sowie eine WLAN-Schnittstelle zur Über­tragung der Daten hat. Weitere Technik wie zum Beispiel ein Fahrassistenzsystem ist nicht notwendig.


Gedanken darüber, wie man die Idee auch anderweitig einsetzen könnte, haben sich die Verantwortlichen natürlich auch gemacht. Da man bereits viele Daten ge­sammelt habe, die die KI nutzen kann, sei das Konzept „leicht skalierbar." Was so viel heißt wie: Es funktioniert theoretisch nicht nur in Werkstätten, sondern auch anderswo. Vorausgesetzt, die KI weiß, wie die Umgebung aussieht.



Parken ohne Parkplatzsuche


Denkbar ist zum Beispiel, Autos, die in der Fabrik vom Band rollen, selbstständig auf den Parkplatz fahren zu lassen, auf dem sie stehen, bis sie verschickt oder abgeholt werden. Bislang beschäftigen Autobauer dafür Tausende Mitarbeiter. Die Autos könnten sich anschließend auch selbst auf Züge oder in Container verladen - ein weiterer Kostenfaktor, der wegfallen wür­de. Die Kamerabilder, mit denen die Fahr­zeuge bislang bis auf zehn Zentimeter ex­akt manövriert werden können, würden auf so engem Raum nicht mehr genügen. Aber mit Lasertechnik würde es funktio­nieren, sagt Jenzowsky. Er hat keine Angst, dass sich die Idee bald selbst über­holt, wenn eine neue Generation Autos auf den Markt kommt, die mit so viel Re­chenleistung ausgestattet sind, dass sie die Aufgabe selbst übernehmen können. „Das dauert bestimmt noch ein bisschen."


Die Verantwortlichen bei Porsche ha­ben sich zum Ziel gesetzt, die Technik in den kommenden fünf bis sechs Jahren so weiterzuentwickeln, dass sie angewendet werden kann. Dazu müssen Sicherheit und Stabilität des Systems noch verbes­sert werden. Tatsächlich könnten dann nicht nur die Autobauer selbst, sondern auch Autofahrer von ihm profitieren.


Ein Beispiel sind Parkhäuser: Wer etwa auf dem Weg zum Flughafen spät dran ist, könnte sich zumindest die Zeit für die Su­che nach einem freien Stellplatz fürs Auto sparen. Das übernimmt dann die Künstli­che Intelligenz.


Dass Stefan Jenzowsky und seine Mit­arbeiter ihre Idee gerade bei Porsche ver­wirklichen durften, hat den CEO am An­fang selbst überrascht. Beim Sportwagen­bauer aus Zuffenhausen gehört die soge­nannte Driver Experience, also das emo­tionale Erlebnis beim Fahren, seit jeher zum Markenkern. Nach dieser Maxime baut die Marke mit dem Pferdchen im Lo­go Autos. Dem Fahrer das Lenkrad sozusa­gen aus der Hand zu nehmen passt des­halb zu Porsche so gut wie eine ausgelau­fene Batterie in den Biomüll.


Das Beispiel in Ludwigsburg zeigt aber, dass die Autobauer durchaus die Zeichen der Zeit erkannt haben. Es dürfte ihnen aber auch vor Augen geführt haben, wie lange es noch brauchen wird, ehe Autos auch auf der Straße alleine fahren. Stefan Jenzowsky verweist in die USA und China. Dort sei das Klima für Start-ups, die sich mit autonomen Fahren beschäftigen, sehr viel besser.



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